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Ernst Wilhelm Nay

"Spindeln", 1964

Aquarell auf Papier

41,8 x 33,5 cm / gerahmt 71 x 61 cm  ″

unten rechts signiert, datiert "Nay 64"
WVZ Claesges, Band 3, Nr. 64-034

- mit Modellrahmen -

N 9183


Über das Werk

Das Augenmotiv erscheint in den Bildern Ernst Wilhelm Nays in den Jahren 1963 und 1964. Es ist als ikonografisches Zeichen im abendländischen Kulturkreis bereits bei den frühen Griechen bekannt. Auch die Anthropologie kennt dieses Motiv aus den frühgeschichtlichen außereuropäischen Kulturen, wie denen Nord-Amerikas und Afrikas, wo das Augensymbol in Verbindung mit kultischen Riten Bestandteil von Dämonenaustreibungen war. 
Diese Bedeutung wandelte sich im europäischen Mittelalter ins Gegenteil, wenn die Augen in Heiligendarstellungen die Anwesenheit des Heiligen selbst, des Numinosen, des Nicht-Fassbaren vergegenwärtigten. Noch heute wird der Betrachter durch die Augen in den Bann gezogen, sozusagen "nicht mehr aus dem Augen" gelassen. Dieser bannende Blick war in der Kunst des Mittelalters im gesamten Abendland weit verbreitet und ist vielen durch die blitzenden Augen der Goldenen Madonna des Essener Münsters bekannt. 
In der sich zunehmend säkularisierenden Kunstgeschichte entfernte sich das Motiv der schauenden Augen zunehmend von der Versinnbildlichung des Göttlichen hin zu einer Vergegenwärtigung des Menschlichen. Der konfrontierende Blick wurde zum Zeichen der Selbstbewusstheit, der Selbstgewissheit und somit zum Ausdrucksmittel des Selbstbildnisses. 
In der voranschreitenden Geistesgeschichte veränderte sich in der Moderne das Bildverständnis. Das Kunstwerk selbst wurde nun zum autonomen Gegenüber. Werner Haftmann beschreibt dieses Phänomen an der Kunst Paul Klees besonders eindrücklich, indem er erläutert, dass "nicht das Motiv, sonders das Bild selbst, […] den Künstler - und uns - anblickt." (Werner Haftmann, E.W. Nay, Köln erw. Neuausgabe 1991, S. 249)
In dem hier gezeigten Aquarell sind es fünf sehr unterschiedlich konzipierte Augenformen, die vertikal ins Bild gesetzt wurden. Der Eindruck, dass diese aus dem Bild heraus schauen, lässt sich nicht von der Hand weisen. Selbstbewusst tritt hier ein Bild auf und uns entgegen, fragend nach unserem Daseinsgrund.
(Andrea Fink)
  


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