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Ernst Barlach

"Ruhe auf der Flucht II", 1924

Bronze

32,4 x 25,3 x 10,5 cm  ″

Guss 9/9 nach 1956
(es gibt insges. 14 Güsse)
WVZ LAUR 369

N 9365


Über das Werk

Harmonisch in der formalen Konzeption, ein Urbild der (bedrohten) Familie, steht diese Komposition gültig, uneingeschränkt überzeugend, vor uns. Aber noch mehr Freude hat der Betrachter, wenn Details zur Entstehungsgeschichte gedanklich mitschwingen können.
Zu dieser Plastik existiert im Güstrower Nachlaß ein vorbereitendes Teilstück aus Gips mit dem Keim der späteren Fassung. Es zeigt eine Frau mit einem Säugling im Arm. Diese Zweiergruppe wird hinterfangen von einem Schutzraum, der einer entkernten Walnußschalenhälfte ähnelt. Wer länger auf diese Vorarbeit schaut, erkennt auf der linken Seite bereits Ansätze für Füße und einen gebeugten Rücken: Der faszinierende Weg zur endgültigen Dreifiguren-Konzeption lässt sich erahnen. Barlach bemüht sich erfolgreich - das zeigt eine themenbezogene Kohlezeichnung -, zum Kern der Aussage vorzudringen, indem er Nebensächliches eliminiert: So lässt er in der Grafik das grasende gesattelte Reittier links von der Dreiergruppe weg, außerdem glättet er in der Plastik die in der Zeichnung gezeigten starken Gewandfältelungen im Kleid der Frau, erzeugt zeitlose Präsenz. Er stellt die Gruppe auf einen flachgerundeten Erdhügel (norddeutsch: Bült), um ihr einen isolierten Wirk-Raum zu schaffen. Das unterscheidet diese Bronze von der kleinformatigeren Motivvariante „Ruhe auf der Flucht I”; dort befindet sich die Gruppe auf einem flachen Terrain.
Die Wirkmächtigkeit dieser Plastik liegt in ihrer umfassend-allgemeingültigen Aussage: Sie ist keineswegs beschränkt auf die christlich tradierte Episode aus der Kindheit Christi, der Flucht der Heiligen Familie nach Ägypten. Natürlich lässt sich in der männlichen Person auch Josef erkennen. Die Gruppe gehört kunstgeschichtlich seit dem 15. Jahrhundert zum Kanon europäischer Motiv-Tradition, greift aber weiter aus. Das Ganze wirkt auf den ersten Blick wie eine idyllische Szenerie, aber diesem Frieden ist nicht zu trauen; gezeigt wird ein Ruhepunkt innerhalb einer Fluchtgeschichte. Drei unfreiwillig Reisende versuchen, irgendwo in der Fremde unterzukommen, weil sie nur so überleben können. Durch das Hinterfangen der Mutter-Kind-Gruppe mit einer großen Decke schafft der Mann einen Moment der Geborgenheit. In späterer Zeit wird mittelalterliche Architektur diese Schutzzone für einige von Barlachs Arbeiten bereitstellen, so eine gotische Konche im Magdeburger Domes für sein „Denkmal des Krieges” oder die Nischen der Katharinenkirche in Lübeck für Klinkerbrandfiguren seiner "Gemeinschaft der Heiligen".
(Horst Müller)


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